Mittwoch, 24. Juni 2020

Vernachlässigung – Manipulation – Gewalt

Dr. Doris Reisinger referierte beim Exerzitienleitertag vom 22. bis 23. Juni 2020 über geistlichen Missbrauch in der Exerzitienbegleitung.

Corona-bedingt waren es nur etwa halb so viele Teilnehmer wie sonst bei dieser Fortbildung, die in Kooperation mit dem Bistum Dresden-Meißen durchgeführt wird und sich an Menschen richtet, die in der Exerzitienarbeit und in der geistlichen Begleitung tätig sind. Geleitet wurde der Exerzitienleitertag von Albert Holzknecht SJ, Leiter von Haus HohenEichen, und Petra Maria Brugger OSF, Referentin für Spiritualität und Kirchenentwicklung.

Die Theologin und Philosophin Doris Reisinger, vielen besser bekannt unter ihrem Mädchennamen Wagner, ist Mitarbeiterin am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Referentin für spirituelle Selbstbestimmung und geistlichen Missbrauch. Ausgehend vom Begriff „sexueller Missbrauch“ erklärte sie, was sie unter „geistlichem Missbrauch“ verstehe, nämlich den Missbrauch spiritueller Selbstbestimmung. Dann erläuterte sie in ihrem sehr lebendig gehaltenen Vortrag die Formen geistlichen Missbrauchs: spirituelle Vernachlässigung, spirituelle Manipulation und spirituelle Gewalt. Anhand von Filmszenen und vielen Beispielen zeigte sie den Teilnehmer*innen, wie man diese drei aufeinander aufbauenden Formen erkennen kann.

Beim Thema „Ethik geistlichen Lebens und Begleitens“ führte Dr. Reisinger den englischen Begriff „Consent“ ein, auf Deutsch „informiertes Einverständnis“. Ein solches Einverständnis liege nur vor, wenn die Zustimmung seitens einer Person erfolgt, die informiert, gewillt und zustimmungsfähig ist. Was im ersten Augenblick selbstverständlich klingt, gab den Teilnehmer*innen einiges zum Reflektieren und Austauschen.

Abschließend gab Dr. Reisinger konkrete Hinweise, wie man Menschen, die geistlich missbraucht wurden, als Begleiter*in helfen kann, zu einem selbstbestimmten geistlichen Leben zurückzufinden. Der Umgang mit geistlichen Traumata ist für sie ein „unglaublich wichtiger Punkt“. Hier griff sie beim Erläutern der nützlichen Tipps immer wieder auf ihre eigenen Erfahrungen zurück.

„Erfüllt und ermutigt“, fühle er sich jetzt, resümierte ein Teilnehmer in der Schlussrunde. Eine Teilnehmerin hob die Authentizität und Kompetenz der Referentin hervor und dass sie die zehnstündige Anreise nach HohenEichen zu dieser Veranstaltung nicht bereut. Aber nicht nur alle Teilnehmer*innen waren sehr dankbar, sondern auch Doris Reisinger selbst: „Es tut sehr gut zu wissen, dass es Menschen wie Sie gibt, an die sich Betroffene wenden können. Das war vor zehn Jahren noch anders. Mit diesem Gefühl fahre ich heim: Ich bin nicht allein.“

Der nächste Exerzitienleitertag findet vom 28. bis 29. Juni 2021 statt. Referent wird Bernd Hagenkord SJ sein.