Große Exerzitien – Erfahrungen eines Exerzitanten

Die Chance der Stille

Persönliche Erfahrungen mit ignatianischen Exerzitien in HohenEichen

Exerzitienhaus HohenEichen Dresden im Sonnenuntergang

Als ich im Exerzitienhaus Hohen Eichen ankam, lag bereits eine Woche Urlaub hinter mir. Die Last des Alltags hatte ich da schon ablegen können, und eine erste Entschleunigung hatte sich eingestellt.

Positiv überrascht war ich vom Haus und dem weitläufigen Gelände – ein ganzer Park bot sich mir dar. Ich durfte ein schönes, großes Zimmer mit drei Fenstern beziehen. Hier konnte ich die nächste Zeit gut verweilen.

Auf die großen ignatianischen Schweigeexerzitien hatte ich mich bewusst nicht vorbereitet. Weder Bücher noch Artikel wollte ich vorher lesen. Ich wollte diese Zeit unvoreingenommen auf mich wirken lassen. Anlass war die vom Bischof bewilligte Auszeit, die ich nutzen wollte, um innerlich und äußerlich aufzuräumen. Außerdem hatten alle Kollegen, die bereits an solchen Exerzitien teilgenommen hatten, von den positiven Erfahrungen berichtet. Sie wirkten danach gelassener und innerlich erfüllter.

Und aufzuräumen gab es tatsächlich einiges. Als ich 2007 meinen Dienst in Eschweiler als Krankenhausseelsorger und als Priester in den Gemeinden der Stadt begann, nahm ich mir vor, nach 15 Jahren die Stelle noch einmal zu wechseln. Mein zehnjähriges Dienstjubiläum feierte ich sogar noch verbunden mit der Ansage, dass ich das zwanzigjährige nicht mehr in Eschweiler feiern wollte. Zum Ende des Jahres 2020 wurde mir nach überstandener Krebserkrankung klar, dass ich Abstand vom onkologischen Thema brauchte und deshalb meinen Dienst als Krankenhausseelsorger nicht mehr aufnehmen wollte.

Doch innerhalb von dreieinhalb Jahren gelang es dem Bistum nicht, eine neue Aufgabe für mich zu finden. Ich musste mich damit abfinden, zunächst in Eschweiler zu bleiben. Im Herbst 2025 kam schließlich die Anfrage, die Schulseelsorge am Pius-Gymnasium in Aachen zu übernehmen. Nach mehreren klärenden Gesprächen trat ich die Stelle am 14. April dieses Jahres an. Diese Veränderung war für mich Anlass, Bilanz zu ziehen und mit den zurückliegenden Ereignissen innerlich Frieden zu schließen.

Auch körperlich spielte diese Zeit eine Rolle. Wegen tennisarmähnlicher Beschwerden hatte ich ein halbes Jahr auf Sport verzichten müssen.

Da sich die Schmerzen inzwischen deutlich gebessert hatten, erwies es sich als gute Entscheidung, meine Turnmatte mitzunehmen. Das Zimmer bot genügend Platz für meine Übungen. Daneben war die nahe gelegene Dresdner Heide mit dem Auto gut zu erreichen, sodass ich kleinere und ausgedehntere Waldspaziergänge unternehmen konnte. So fand ich von der äußeren Bewegung immer mehr zur inneren.

Die tägliche Mitfeier der heiligen Eucharistie, die intensive Betrachtung einer Bibelstelle, das innere Gebet und die Zwiesprache mit Jesus prägten den Tag. Neben dem täglichen Gespräch mit meinem Exerzitienbegleiter, Pater Albert Holzknecht, genoss ich die äußere und innere Stille des Ortes. Alle im Haus waren darauf ausgerichtet, nur das Nötigste miteinander zu sprechen, um dem Schweigen einen großen Raum zu gewähren.

Von Woche zu Woche schätze ich es mehr, nicht nur von der Arbeit, sondern auch von alltäglichen Aufgaben wie Einkaufen und Kochen befreit zu sein und so den Freiraum zu haben, mich den aufsteigenden inneren Themen zu widmen.

Vierte Kreuzwegstation - Jesus begegnet seiner Mutter

Ein Gedanke beschäftigte mich besonders: Das Grundmuster des Lebens ist die Dualität. Mit der von Gott gegebenen Freiheit verbindet sich zugleich die Verpflichtung zu wählen. Von daher ist in das Grundmuster des Lebens die Fehlentscheidung, das Übel, sogar das Böse eingewoben. Gott nimmt dieses Risiko in Kauf, weil er uns größtmögliche Freiheit und Entwicklung ermöglichen will. Der Mensch kann machen, was er will – er entkommt dem Bösen nicht:

Er erleidet es, und er fügt es auch anderen zu. Ich beginne die Schöpfungsgeschichte mit dem Sündenfall von Adam und Eva, wie sie uns die Genesis erzählt, neu zu verstehen, indem ich die Geschichte vom Vater mit den beiden Söhnen in Lukas 15,11–32 als Fortsetzungsgeschichte begreife. Wir müssen unsere Ursprungsfamilie verlassen und ins eigene Leben ziehen, um Erfahrungen zu machen. Wir lernen die Äußerlichkeiten kennen, um dann, wenn es gut geht, am Wendepunkt zur Innerlichkeit zurückzufinden und dem eigenen innersten Wesenskern neu zu begegnen, um die Seelenaufgabe zu erkennen. Gott sei Dank werden wir mit einem Fest empfangen, wenn wir geläutert und gereift zum Ursprung zurückkehren.

Ein weiteres zentrales Thema war für mich die Hingabe. Ein Ja zum Leben und zur eigenen Berufung zu sagen, ist kein einmaliger Entschluss, sondern ein lebenslanger Prozess, der immer tiefer wird. Dieses Wachstum lässt sich am Leben Jesu eindrucksvoll nachvollziehen. Er ist gekommen, den Willen des Vaters zu tun. Besonders deutlich wird dies nach dem Bekenntnis des Petrus: Als Jesus seinen bevorstehenden Leidensweg ankündigt, weist er den Widerspruch des Petrus entschieden zurück. Petrus denkt menschlich, Jesus aber richtet sich ganz auf den Willen Gottes aus. Diese Hingabe verdichtet sich beim Letzten Abendmahl, wenn Jesus in Brot und Wein sowie in der Fußwaschung seine Hingabe zeichenhaft vorwegnimmt und am Kreuz mit den Worten vollendet: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“

In der intensiven Betrachtung dieser und weiterer Bibelstellen wird mir deutlich, dass die Psychologie zu Recht zwischen dem Willen des Egos und dem, was das Selbst will, unterscheidet. Für mich drückt mein Selbst das aus, was ich zutiefst in meiner Seele möchte. Im Laufe der Tage komme ich immer wieder in Kontakt mit meiner Seele und damit zum Urgrund meines Seins. Es ist das Tor in Gottes Arme. Dort zu ruhen, schenkt mir tiefen Frieden. Das Wahrnehmen der eigenen Wahrheit ist ein existenzieller Akt der Selbstvergewisserung.

MuttergottesIkone

Ein weiterer Gedanke überraschte mich. Ich hatte den Eindruck, dem weiblichen Prinzip in mir mehr Raum zu geben – jener empfangenden und hingebungsvollen Haltung, die traditionell dem Weiblichen zugeschrieben wird. Ob Frauen dies tatsächlich leichter fällt, vermag ich nicht zu beurteilen. Die biblischen Gestalten Marias und Maria Magdalenas wurden mir dabei neu wichtig. Maria antwortet dem Engel: „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Maria Magdalena und die andere Maria warten am Grab, halten aus und werden zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung. Dabei wurde mir bewusst, dass auch meine Geduld noch wachsen darf. Die intensive Zeit der Kontemplation zeigte mir, dass mein Leben nach wie vor stärker von Aktivität als von innerer Sammlung geprägt ist. Von daher begreife ich die Marienverehrung für den Priester nicht als kompensatorischen Akt fehlender Weiblichkeit, sondern als existenziellen Ausgleich der Persona hin zum innersten Seelengrund.

Eine wichtige Einsicht verdanke ich den Gesprächen mit Pater Holzknecht. Er erklärte mir, dass die ignatianische Indifferenz zunächst eine innere Freiheit gegenüber all jenen Dingen meint, die weder gut noch schlecht an sich sind: Besitz, Erfolg, Gesundheit, Ansehen oder andere äußere Umstände. Diese Freiheit ist jedoch nicht das Ziel, sondern die Voraussetzung. Zu oft bin ich mit eigenen Vorstellungen oder Erlebnissen innerlich „verklebt“. Solange das so ist, kann ich mich nicht wirklich verschenken. Erst wenn sich diese Anhaftungen lösen, wird der eigentliche Schritt möglich: nicht nur frei zu sein von etwas, sondern frei zu sein für etwas – für das große Ja, das ich in meiner Priesterweihe gesprochen habe und das ich im Alltag immer wieder neu einlösen möchte. Hingabe ist deshalb nicht mit Indifferenz gleichzusetzen. Sie wächst vielmehr aus ihr hervor. Es geht letztlich nicht um Verzicht, sondern um Schenken. Auch die Gelassenheit und der Gleichmut dürfen in meinem Leben weiter wachsen, denn sie bilden den Boden, auf dem diese Hingabe gedeihen kann.

So schaue ich dankbar und erfüllt auf diese Zeit zurück. Ich kann besonders meinen Mitbrüdern und Kolleginnen und Kollegen empfehlen, sich einmal auf eine solch lange Zeit der Stille einzulassen. Sie bietet die Chance, den eigenen Standort neu zu bestimmen, Vergangenes zu versöhnen und mit neuem Elan und Tatkraft den Acker wieder unter den Pflug zu nehmen.

Juli 2026, Pfarrer Christoph Graaff

Haus Hoheneichen
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